Die Dämmerung hat schon eingesetzt, als sich die Gäste am Freitag, dem 29. März 2019, vor dem Kleinen Michel versammeln und auf Einlass warten. Worauf warten die vielen Menschen? Sie sind die glücklichen Kartenbesitzer für das Konzert des Sophie-Barat-Chors und gespannt auf die Aufführung von Karl Jenkins’ Requiem.

Um halb acht drängen die Besucher in die Kirche. Beim Eintritt begegnen sie schon dem ersten kunstvollen Inszenierungselement: rote Lampions mit japanischen Schriftzeichen tauchen den Eingangsbereich in warmes Licht. Seit Schuljahresbeginn hatten einige Schülerinnen und Schüler des Chores die inszenatorische Gestaltung des Konzertabends entwickelt. Keine leichte Aufgabe, denn Jenkins überschreitet in seinem im Jahre 2005 uraufgeführten Requiem die Grenzen der Tradition und schafft kulturelle und spirituelle Begegnungen zwischen der westlichen und fernöstlichen Welt, indem er in den 800 Jahre alten lateinischen Text des christlichen Requiems fünf japanische Haikus, kurze Sterbegedichte von Zenmeistern bzw. Dichtern verfasst, einfügt. Die fernöstliche Dimension des Werkes galt es, an dem Abend sinnlich und sinnhaft zu vergegenwärtigen.

Während die Gäste eintreffen, versammelt sich der Chor unter der Kirche im Gemeindesaal, ein letztes Mal vor dem Konzert. Unzählige Proben kulminieren in dem bevorstehenden Ereignis. Es herrscht nicht nur eine äußerst aufgeregte, sondern auch eine sehr emotionale Stimmung, denn für viele Abiturient*innen ist es der letzte Auftritt mit dem Sophie-Barat-Chor in absehbarer Zukunft. Dann geht es los: Der Chor singt sich ein und tritt - begleitet von Vogelgezwitscher und Wasserplätschern - in die Kirche.

Diakon Guido Nowak, ein jahrzehntelanges Mitglied im Sophie-Barat-Chors, begrüßt das Publikum und stimmt mit geistlichen Impulsen auf das Werk ein. Danach stellt sich Frau Pünder vor den Chor, hebt die Hände und das Instrumentalensemble, in dem sich Freunde, Schülerinnen und Schüler für das Projekt zusammengefunden haben, setzt ein. Das Konzert hat begonnen.

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Die etwa 120 Stimmen des Sophie-Barat-Chors in Begleitung von acht Streichern sowie Flöte, Harfe, Horn und vier Perkussionisten, drei davon Schüler unserer Schule (!), hauchen der Totenmesse neues Leben ein. Sie machen die Zuhörer mit Himmel und Hölle vertraut und stellen stimmlich die gesamte Bandbreite der Emotionen dar, die der Mensch in Konfrontation mit dem Tod spüren kann. Trauer und Abschied, Furcht vor der Hölle, Hoffnung auf Erlösung, Akzeptanz und Ruhe sowie das wahre Glück und Freude im ewigen Paradies werden im Requiem durch den Chorgesang spürbar.

Sound-Design-Effekte von Laurenz Kurth fügen sich stimmig in die Pausen zwischen den einzelnen Nummern ein. Ebenso passend zu den Botschaften des Requiems konzipiert sind die wechselfarbigen Lichtelemente, die Alexander Schmidt, ein ehemaliger Schüler und langjähriger künstlerischer Begleiter des Sophie-Barat-Chores, mit dem Team für das Requiem umsetzt.

Doch dies ist nicht alles: das Kreativteam hat sich besonders auf die japanischen Elemente des Requiems eingelassen. Die Haikus, die in einzelnen Gesängen des Werkes vertont sind, werden zunächst in japanischer Sprache, anschließend in deutscher Übersetzung, „live“ vorgetragen, um auf die zenbuddhistische Sphäre vorzubereiten. Zeitgleich malen drei kunstbegabte Schüler*innen des Chores japanische Schriftzeichen mit dickem Pinsel und schwarzer Farbe auf große Papierbögen. Vor den Augen der Zuschauer, unter denen sich auch die japanische Generalkonsulin, Frau Kukiko Kato, befindet, entstehen bedeutungsvolle Kanjis aus den Haikus, wie „Schnee“, „Blüte“ und „Tautropfen“: Eindrucksvolle Bilder für natürlichen Wandel, Symbole für Vergänglichkeit.

Die asiatische Atmosphäre wird zudem musikalisch angereichert durch die meditativen Melodien der Shakuhachi, einer traditionellen japanischen Bambusflöte, die Jenkins in das Werk eingewoben hat. Nach langer Suche konnte Frau Pünder Shakuhachi-Meister Dr. Jim Franklin gewinnen, den wir schon bei unserem „Vorkonzert“ am 24.2.2019 in St. Marien im Mecklenburgischen Plau am See kennenlernen konnten.

Nach anderthalb Stunden lebender Kunst erreichen alle Versammel-ten gemeinsam im letzten Lied das „Paradies“. Der Raum ist gefüllt mit Ruhe, Glück und Frieden. Der Chor lässt mit den letzten Tönen das neue Leben im wahrsten Sine des Wortes „aufblühen“. Es kommt nämlich zu dem Einsatz des letzten Kunstelements: Synchron lässt der Chor 120 Kirschblüten aufblühen, rosa Chiffontücher, die sich in rosa Licht geflutet zu den letzten 4 Takten der Komposition in den Händen der Choristen entfalten. Die christliche Hoffnung auf Erlösung im Paradies verbindet sich im letzten Augenblick des Kon-zertes mit der fernöstlichen Vorstellung des Wandels, vergegenwärtigt im Werden und Vergehen der Kirschblüte: Jenkins hat östliche und westliche Kultur in seiner Vertonung hörbar zusammengeführt, der Sophie-Barat-Chor hat sie in seiner Inszenierung sichtbar verschmolzen.

Leonie Wegebauer, (2. Semester)